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Ich habe mich an den Anblick gewöhnt und erschrecke doch, wenn sie auf ihren Fliegenbeinen an mir vorbei stakst, den mit Schulbüchern überladenen Rucksack geschultert. Er wirkt viel zu groß für ihren Rücken.
Wenn Annika dünne Sweatshirts trägt zeichnen sich ihre Schulterblätter deutlich unter dem Stoff ab. Oft kommt das allerdings nicht vor. Die meiste Zeit hüllt Annika ihren ausgemergelten Körper in flauschige Pullis- ihr ist ständig kalt.
Wer sie sieht könnte sie für zwölf halten, dabei feiert sie in diesem Sommer ihren achtzehnten Geburtstag. Schon zweimal wurde sie vom Aufsicht führenden Lehrer auf den Unterstufen- Schulhof geschickt weil sie wie eine Schülerin der siebten Klasse wirkte.
Kaum vorstellbar, dass Annika früher ein normales Leben führte, dass sie nicht schon immer das Mädchen mit Kleidergröße 32 und knapp 40 kg Körpergewicht war.

Früher, als Annika und ich uns ewige Freundschaft schworen. Früher, als ein knuspriger Heidelbeer- Pfannekuchen noch das pure Glück bedeutete. Früher, ja, da war alles anders. Da war Annika noch das Pummelchen das neben mir, der schlanken Freundin, scheinbar zurückstand. Ihr Gewicht war für Annika trotzdem kein wirkliches Problem. Sie hatte ein gesundes Selbstbewusstsein, ihr war egal was andere von ihr dachten. Dieses Selbstbewusstsein machte es Annika schwer, in der Grundschule Freunde zu finden. Oft wirkte sie arrogant und uninteressiert an ihren Mitschülern. Im Kindergarten war ich da gewesen. In der Grundschule war Annika ganz allein.
Aufgeregt fieberten wir dem Schulwechsel aufs Gymnasium entgegen. Der Augenblick, der eine neue Ära einläuten sollte in der wir uns wieder täglich sehen konnten. Die neue Ära begann- allerdings anders, als wir beide uns das je vorgestellt hätten.
Von Natur aus Kontaktfreudiger freundete ich mich bald mit mehreren Mitschülern an, fand in Lisa eine neue Seelengefährtin. Annika passte nirgendwo wirklich hin. Sie war immer noch sehr kindlich. Bei unseren Diskussionen über Klamotten und Jungs konnte sie nicht mitreden. Annika war eifersüchtig auf meine Freundschaft mit Lisa. Wir entfremdeten uns immer mehr. Es kam die Zeit in der wir, eine mittlerweile eingeschworene Clique, begannen Annika nervig und kindisch zu finden. Wir versuchten ihr aus dem Weg zu gehen, verabredeten uns ohne sie. Aus Mitleid und weil unsere Eltern, die mit Annikas Mutter befreundet waren, uns zwangen, starteten wir zwischendurch diverse Versuche, Annika ein wenig „cooler“ und mehr „trendy“ zu gestalten. Zwecklos. Zwei Tage lang benutze Annika Lidschatten und erwog, zum Frisör zu gehen. Dann hingen ihre Haare herunter wie jeden Tag. Ihre Augen blieben ungeschminkt.

Während ich neue Freunde fand und interessante Hobbies entdeckte, beschloss Annika, dass sie abnehmen würde. Dabei spielte die Hoffnung auf mehr Beliebtheit sicher eine wichtige Rolle.
Am Anfang bemerkte niemand den Unterschied. Ich hatte nicht mehr viel mit Annika zu tun, achtete also nicht besonders auf Veränderungen. Bis meine Mutter Annika nach längerer Zeit wieder traf und hinterher sagte: „Ist dir noch nicht aufgefallen, wie Annika abgenommen hat? Es sieht richtig gut aus.“
Von da an beobachtete ich Annika genauer und stellte fest: meine Mutter hatte recht, Annika hatte abgenommen und es sah nicht schlecht aus.
Das reichte Annika jedoch nicht. Sie nahm stetig weiter ab, versuchte, ihrem Körper durch den Gewichtsverlust mehr Form und Konturen zu geben.
Als Annikas Eltern endlich auf die Warnrufe verschiedener Bekannter reagierten, war es bereits zu spät. Annika war besessen von ihrem Gewicht. Sie wurde noch verschlossener als zuvor und steckte ihre ganzen Bemühungen in den Kampf um Kilos und in die Schule. Ehrgeizig war sie auch früher gewesen. Jetzt nahm ihr Ehrgeiz neue Dimensionen an. Sie musste die Beste sein, musste in allem Recht haben und lag sie doch einmal falsch war sie beleidigt.
Natürlich machte sie sich unbeliebt. Es hagelte gehässige Kommentare von Mitschülern, die sich durch ihre permanente Besserwisserei provoziert fühlten. Hilflos sah ich mit an, wie Annika sich selbst ins Abseits drängte. Manchmal, wenn ich sie mal wieder um ihre Schulnoten feilschen sah, konnte ich meine Mitschüler verstehen. Ich selber fühlte mich auch genervt. Doch oft, wenn Annika auf den Fluren merkwürdig angeschaut wurde oder man hinter ihrem Rücken über sie lästerte, tat sie mir einfach leid.
Zwei Jahre ging es hin und her. Mal versprach Annika ihren Eltern zuzunehmen, dann wieder aß sie noch weniger als sonst.
Annikas Eltern setzen große Hoffnungen in einen Klinikaufenthalt, dem Annika schließlich zustimmte. Als sie entlassen wurde, hatte sie nur 1,5 kg zugenommen- nichts hatte sich gebessert.
Im letzten Jahr dann ein neuer Streifen am Horizont: Annika entschloss sich zu einer richtigen Therapie. Drei Monate verbrachte sie in einer Klinik für essgestörte Jugendliche, fand neue Freunde und nahm zu. Als sie zurück in die Schule kam war sie wie verwandelt. Sie legte sich eine neue Frisur zu, schminkte sich, kleidete sich ihrem Alter entsprechend. Ich freute mich für sie und war doch skeptisch. Hatte sie sich wirklich verändert? Würde sie es schaffen, gegen ihre Magersucht anzukämpfen? Der Rückfall ließ nicht lange auf sich warten. Annika nahm wieder ein wenig ab, hörte auf, sich mit ihrem Aussehen Mühe zu geben und wurde wieder zu der Person, die sie vor der Therapie gewesen war.


An dieser Situation hat sich seitdem nichts mehr geändert. Die meisten Menschen reagieren auf Annika mit Unverständnis und Aggressivität.
Sie alle sehen Annika tagtäglich an ihrem Körnerbrötchen knabbern, belegt mit einer Scheibe Käse ohne Butter. Erst werden die Körner einzeln abgenagt, dann wird das Brötchen aufgeklappt und beide Hälften einzeln gegessen.
Sie alle erinnern sich noch an die Zeit von Annikas Zwangneurosen, als sie ständig die Treppe in der Pausenhalle auf und ab lief und fünfmal in einer Pause den Vertretungsplan kontrollierte.
Was sie nicht sehen, ist die Verzweiflung von Annikas Mutter, wenn sie sich mit meiner Mutter unterhält. Wie Annika ihr verbietet, mit anderen Personen über sie zu reden. Wie Annika sich weinend auf das Sofa wirft und über mangelndes Vertrauen klagt, sobald ihre Mutter mal weggehen will.
Sie sehen auch nicht Annikas Verwunderung, dass sie ihre Periode noch nie hatte. Nur eine Frage der Zeit, bis es soweit ist, glaubt Annika.
Dreieinhalb Jahre bewegt sie sich nun schon in ihrer Welt aus Kalorienzählen, heimlichen Sportübungen und Einsamkeit. Wie viele Jahre werden noch folgen?

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